Samstag, 26. August 2017

Fazit: Was ich nicht vermissen werde, und was umso mehr!





Es sind meine aller  letzten Tage hier in Kirgistan. Genauer gesagt die letzten vier Tage. Hinter mir liegt ein ganzes Jahr, weit weg von Deutschland. Ich habe das Land lieben gelernt. Aber auch meine Kämpfe, meine Wut und mein Unverständnis für einige Dinge werden ein Teil von meiner Beziehung zu diesem Land bleiben. Ich möchte heute mein ganz persönliches Fazit zu meinem Kirgistan abgeben-dem Kirgistan, wie ICH es selbst erlebt habe während meiner 12 Monate hier.

Teil 1 Was ich nicht vermissen werde

Da wären zum Beispiel „Kleinigkeiten“, die mir auf lange Zeit ein bisschen  auf die Nerven gehen. Das Essen zum Beispiel. Definitiv das Hauptnahrungsmittel Nummer 1 ist Fleisch, richtig schön fettig. Generell wird alles gerne mit viel Fett gekocht.  Es ist wohl kein Arbeitstag vergangen, an dem ich mir beim Mittagessen nicht irgendwelche lästigen Kommentare anhören musste, die sich auf meinen Fleischverzicht bezogen.  Allerdings möchte ich nicht außer Acht lassen, dass das Fleisch wohl in den seltensten Fällen aus Gefrierschränken in Supermärkten kam.

Desweiteren ärgerte ich mich hier immer wieder über den Umgang mit der Natur. Auf dem Basar, wie auf dem Supermarkt, alles wird in je mindestens zwei Plastiktüten eingepackt.  Besonders schockierend für mich war jedoch, was ich in einem Naturschutzgebiet erlebte. Die Autos fuhren zu dem darin liegenden Gebirgsee auf 2000 meter Höhe, direkt bis zum Seeufer. Dort war schon allerhand Müll, Kippen und Wodkaflaschen vorzufinden, sowie Lokale Touristen, die dort laut grölend eine Party veranstalteten.

Ein anderer Punkt, mit dem ich auf Dauer zu kämpfen hatte, sind gewisse Höflichkeitsrituale. Wenn ich beispielsweise jemanden frage: „Hast du Hunger, möchtest du was essen?“ Wird die 1. Antwort mit aller Wahrscheinlichkeit  „Nein, danke“ sein. Als Deutsche verstehe ich : nein heißt nein. Als Kirgisische Gastgeberin müsste ich allerdings verstehen „Ja klar habe ich Hunger, aber du musst mir das schon noch dreimal anbieten, bis ich es letztendlich annehmen werde.“
Ich will damit nicht sagen, dass die Gastfreundschaft  geheuchelt war, nein. Definitiv habe ich oft die Begegnung mit warmherzigen Gastgebern erlebt, die mir vollkommen authentisch liebevoll und warmherzig  vorkamen. Viele andere Male jedoch, konnte ich wahrnehmen, dass die Einladung zum Tee einen anderen Beweggrund hat, sozusagen ein rein gesellschaftlicher Zwang. So entstanden Situationen, in denen alle Beteiligten sich vollkommen verstellten und sich gegenseitig etwas vorspielten. Und das verrückte daran ist, dass wahrscheinlich alle Beteiligten wissen, dass man sich gegenseitig etwas vorspielt. Ja, für mich wirkten einige Teeeinladungen wie ein Theaterstück, bei dem man den gleichen Text abspult, den man schon hundertmal erzählt hat. Manchmal konnte ich daran großen Gefallen finden. Besonders als meine russisch Kenntnisse besser wurden und ich langsam die „Regeln“ verstand. Ich wurde gut darin, den Leuten Honig um den Mund zu schmieren, und umgekehrt geschmeichelt zu werden. Aber gerade in den letzten Monaten und Wochen hat mich das oft auch viele Nerven und Energie gekostet. Ich sehne mich nach mehr Ehrlichkeit, und zu wissen woran man wirklich ist. Sagen zu können was man wirklich will und fühlt und danach, dass ein „nein“ ein nein und ein „ja“ ein ja ist. Ob das in Deutschland tatsächlich so ist, weiß ich nicht, aber ich habe zumindest das Gefühl, dass es so ist.

Mein definitiv größtes Problem jedoch war die hierarchische Ordnung, die den Arbeitsalltag sowie das gesellschaftliche Leben prägen. Vor allem meine ich damit die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, aber auch die hohe Stellung der Älteren. Diese Strukturen habe ich in erster Linie durch Beobachtung und Gespräche kennen gelernt, aber vor allem bei der Arbeit auch selbst erfahren  müssen.  Dieses Thema macht mich jetzt selbst beim Schreiben noch so wütend, dass es mir schwer fällt, die richtigen Worte zu finden.  Oft wurde ich so wütend auf diejenigen  Männer, die sich von den sowieso schon überarbeiteten Frauen bedienen lassen, die über und mit Frauen redeten, dass ich einfach nicht mehr meinen Mund halten konnte.
 So gut wie jede Frau mit der ich ins tiefere Gespräch kam, konnte mir eine ähnliche schreckliche Geschichte über die Beziehung mit der Schwiegermutter erzählen.  So erzählten mir einige Frauen, wie sie kurz nach der Hochzeit in das Familienhaus des Mannes einzogen, jeden Morgen vor 5 Uhr aufstehen mussten und als letzte zu Bett gingen –die Dienerin des Hauses, oft auch bei der Hochzeit selbst.
Es sind nur wenige Beispiele der Rollenverteilung  von vielen vielen vielen Dingen, bei denen sich alles in mir wehrt, es zu akzeptieren oder zu respektieren, geschweige denn es zu verstehen.
Eines hatten alle gemeinsam: Ich hatte das Gefühl, dass die Frauen selbst auch wütend waren, wenn sie mit mir redeten. Es war als könnten sie endlich mal der Ungerechtigkeit ein Sprachrohr geben. Und wenn das Gespräch zu Ende war, gingen sie in die Küche und kochten Tee für die Männer und lachten über seine Witze, die auf ihre Kosten gingen.
Das brachte mich immer mehr in Verzweiflung und Unverständnis. Klar kann sich nichts an der Situation verändern, wenn nur geredet, aber wenig gehandelt wird. Ich weiß, mit diesem Satz muss ich sehr vorsichtig sein, denn ich bin mir bewusst welchen gesellschaftlichen Druck man auf die Frauen und Männer ausübt, wie man BEIDEN GESCHLECHTERN schon in die Wiege legt, welche Rolle sie einzunehmen haben. Und das ist letztendlich immer das Fazit der Gespräche: Die Veränderung beginnt in der Erziehung. Ich bin sehr gespannt wie sich diese Strukturen mit den nächsten Generationen verändern werden- oder nicht.

Teil 2: Was ich vermissen werde

Wo fange ich an?

Da wäre die wunderschöne Natur! Besonders die letzten  sechs Wochen hatte ich ausgiebig Zeit in die Vielfältigkeit des Landes einzutauchen und seine unglaubliche Schönheit zu erkunden. Zu wandern, zu baden, wild zu campen und in natürlichen heißen Quellen mit 50° zu baden.  Ich werde die wunderschönen Berge und die Seen sehr vermissen. Ich habe tatsächlich Reiten gelernt! Das Gefühl umgeben von Bergen und unendlich weiter Ebene auf dem Pferd zu sitzen, ist einfach nur befreiend.



Da wäre Bischkek, eine Stadt, die laut und unglaublich luftverpestet ist, da es mehr Autos als Einwohner gibt. (Und die Autos schon so alt sind, dass ich gar nicht wissen will was da hinten alles raus kommt….). Trotz der schlechten Luft, der hupenden Autos, habe ich Bischkek zu lieben gelernt. Die Stadt ist in ihrer Hässlichkeit für mich ästhetisch geworden. Und vor allem unglaublich praktisch für den Alltag. Es gibt vielleicht keine süße Fußgängerzone geschweige denn eine Altstadt mit schönen Gebäuden, aber nach einer Weile findet man „ seine persönlichen Lieblingsplätze“,  wie Parks und nette Restaurants oder Cafés.




Da wären die öffentlichen und privaten Verkehrsmittel. Wie sehr ich die Maschrutkas vermissen werde! Die Kleinbusse mit denen ich für umgerechnet 12 cent vom einen Stadtende zum anderen komme. Auch gibt es „Fernmaschrutkas“ und „Sammeltaxi“, die es ermöglichen super günstig durchs ganze Land zu fahren. Das Reisen ist so unfassbar einfach, weil in Kirgistan quasi jeder der ein Auto hat ein potenzieller Taxi Fahrer ist. Selten fahren hier Autos leer auf lange Strecken. Da könnte sich Deutschland mal ein bisschen was abschauen, auch was die Buspreise angeht!

Da wären die Menschen. Ich habe egal wo ich mich im Land befunden habe, eine unglaubliche Hilfsbereitschaft erfahren dürfen.  Ob es darum geht eine Straße zu finden oder einen schönen Platz um das Zelt aufzuschlagen, egal wen ich gefragt habe, mir wurde immer geholfen.
Auch von meinen Kolleginnen habe ich immer wieder viel Unterstützung erfahren dürfen.
Generell hatte ich das Gefühl, dass sich die Menschen gegenseitig mehr unterstützen. Stand bei einem Familienmitglied einer Mitarbeiterin eine teure Operation an, legte das Kollegium zusammen.

Da wären die Feste. Wenn jemand weiß wie man oft und viel feiert, dann die Kirgisen. Die Tische sind voll gedeckt, so dass kein Fleckchen der hier üblichen Wachstischdecken mehr zu sehen ist. Eine mir sehr stark in Erinnerung gebliebene Feier war „das Betriebsfest“, kurz vor dem Jahreswechsel ,von dem ich in einem früheren Blogeintrag berichtete. Alle machten sich für den Abend schick und zogen schöne Kleider an.  Es wurde gegessen, getrunken gelacht. Es gab sogar ein Programm witzigen  Tanz- und Spieleinlagen. Es war für mich ein besonderer Abend, weil ich so überrascht wie hemmungslos alle miteinander tanzten, auch mit uns Freiwilligen. Das manchmal auf der Arbeit angespannte Klima, war völlig verflogen. Alle waren entspannt und keiner stand alleine am Rand. Auch auf anderen Feiern war ich beeindruckt wie gerne und viel getanzt und gesungen  wird.


Da wäre die allgemeine Unkompliziertheit, die für mich ein ganzes Stück mehr Freiheit bedeutete. Das ist wohl eines der Dinge die ich vor meiner Rückkehr am meisten fürchte. Die Bürokratie und das Verkomplizieren, was ich in Deutschland schon so oft erlebt habe. Als Beispiel könnte man hier viele Dinge nennen. Zum Beispiel auf der Arbeit: Dort hatte ich im Prinzip alle Freiheit Projekte zu starten und durchzusetzen. Ich konnte alle meine Ideen einbringen und durchführen ohne auf große Widerstände zu treffen. Im Gegenteil, ich machte immer die Erfahrung, dass meine Kolleginnen begeistert von Vorschlägen waren, mir vertrauten, dass ich weiß was ich tue. Aber auch im Alltagsleben war alles unkomplizierter als ich es von Deutschland kannte. Erst kürzlich mussten wir einige wirklich notwendige Reparaturen in unserem Bad durchführen lassen, da mitten in der Nacht der Duschhahn „explodiert“ ist. Als wir beim Bezahlen unserer Miete ansprachen, dass wir Reparaturen im Rahmen von 100 Dollar durchgeführt hatten, war unsere Vermieterin so unkompliziert und entspannt, dass wir 100 Dollar weniger Miete zahlen mussten- ganz ohne Belege oder Quittungen. Es sind wieder nur kleine, persönliche Beispiele, mit denen ich euch meine Wahrnehmungen einleuchtend vermitteln möchte.

Was ich jedoch mit Sicherheit am meisten vermissen werde sind meine Freunde, die ich hier gefunden habe. Vor allem auch meine SchülerInnen habe ich so fest in mein Herz geschlossen. Menschen, die ich jeden Tag gesehen habe, denen ich so viel erzählt, und von denen ich so viel erzählt bekommen habe. Der Gedanke sie für unbestimmte Zeit zu verlassen tut mir weh. Wenn ich an meine ersten Tage in Kirgistan und auf der Arbeit zurück denke, dann weiß ich, dass ich mir nicht im Traum ausgemalt hatte, was für tolle Begegnungen ich machen würde und wie eng meine Bindung zu meinen SchülerInnen sein würde. Oft habe ich in meinen Einträgen  eine Schülerin erwähnt, die im gleichen Alter ist wie ich. Sie hat dieses Jahr einen ganz normalen Schulabschluss geschafft und wird ab September aufs College gehen, damit sie danach studieren kann- vielleicht in Deutschland. Ich bin so stolz auf sie, es erfüllt mich mit so viel Bewunderung, was sie alles geleistet hat, wie erfolgreich sie auf der ganzen Welt mit ihrer Tanzgruppe auftritt! Ich freue mich so sehr darauf euch von all diesen besonderen Menschen, die letztendlich mein Jahr in Kirgistan so kostbar und schön gemacht haben, bald persönlich zu erzählen.

ANMERKUNG ZUM SCHLUSS:
Alles was ich hier geschildert habe, sind meine ganz persönlichen Wahrnehmungen und Eindrücke über das Land. Es ist nichts allgemein Gültiges. Es war mir nur wichtig kurz vor Schluss zu reflektieren, was ich wirklich vermissen werde, und bei was ich vielleicht froh bin, es erst mal hinter mir zu lassen. Ich hoffe ihr habt mich richtig verstanden, dass ich mich hier trotz meinen „Kämpfen mit der Kultur“ sehr wohl fühle und Kirgistan eine zweite Heimat für mich geworden ist.
Ich freue mich auf das Neue was auf mich in Deutschland wartet.
Ich bin gespannt was der neue, kommende Lebensabschnitt zu bieten hat, bin gespannt euch wieder zu sehen und freue mich auf euch.'


Bis in wenigen Tagen,

Eure Lissa



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