Sonntag, 30. Juli 2017

Aus Zeiten des Abschieds und des Rollenwechsels


Hallo ihr Lieben,

Lange habe ich nichts von mir hören lassen. Das liegt daran, dass die letzten zwei Monate sehr „intensiv“ waren, vor allem emotional.

Wenn ich zurück in den Juni blicke, sehe ich mich, wie ich den letzten Arbeitsmonat mit den Kindern bei Ümüt-Nadjeschda jeden Tag genieße. Ende Juni war dann die offizielle  Verabschiedungsfeier. Ich überreichte allen meinen Kindern und meinen Kolleginnen ein kleines Geschenk. Ich selbst durfte an diesem Tag sehr viel Wertschätzung und Anerkennung meiner Arbeit erfahren, was mir sehr gut getan hat.
Der Abschied war jedoch kein wirklicher Abschied. Denn in der darauffolgenden  Woche fuhren wir mit meiner Klasse auf Klassenfahrt an den Issyk-Kul See. Dort hatte ich eine richtig schöne Zeit, in der ich mit den Kindern und meinen beiden Kolleginnen noch einmal enger zusammengewachsen bin. Der ganze Ausflug fühlte sich an wie ein Familienurlaub, denn die ganze Zeit herrschte ein sehr familiäres Klima. Wir haben viel gelacht, geredet, gespielt und vor allem viel gebadet.  Am letzten Abend am See, machten wir einen Abschiedskreis und ich realisierte, dass nun WIRKLICH der Abschied von den Kindern eingetroffen war, schien er beim Abschiedsfest doch noch so weit entfernt.  Ich kann euch gar nicht sagen wie sehr ich diese Kinder LIEBE! Sie sind in diesem Jahr meine Geschwister geworden.


Nach der wunderschönen Woche am Issyk- Kul blieb noch eine Woche, die ich bei Ümüt-Nadjeschda zu arbeiten hatte. Ohne Kinder. Dafür mit Eimer, Farbe und Putzlappen! Eine Woche lang reinigten meine Kolleginnen und ich unsere Klassenräume aufs gründlichste. Strichen alle Wände und den Boden- was bei einer Hitze von 37 Grad wirklich anstrengend werden konnte.
Und dann kam er, der 14. Juli. Mein aller letzter Tag als Freiwillige bei Ümüt-Nadjeschda.
Als ich meine Tasche von der Garderobe nahm zum letzten Mal in den Garten und die Werkstatt lief, konnte ich meine Tränchen nicht mehr zurück halten.  Sofort schossen mir all die Bilder in den Kopf. Der erste Tag. Mein erster Eindruck der Kinder. Mein erster Unterricht. Meine immer enger wachsende Freundschaft zu den Schülerinnen. Emotional ziemlich aufgelöst ging ich mit meinen Kolleginnen nach Arbeitsschluss auf den Abschluss der Renovierung und meinen letzten Arbeitstag anstoßen. Dabei wurden ebenfalls allerhand Geschichten aus dem vergangenen Jahr ausgepackt. Schließlich kamen wir immer wieder zum gleichen Schluss: Wir drei waren ein sehr gutes Team und darüber hinaus Freundinnen geworden.

Der Tag danach war verwirrend und ich fühlte mich sehr leer. Meine Rolle als Freiwillige war beendet. Nun würde ich als „normale Touristin“ das Land bereisen.
Zusammen mit Abdullah reiste ich nun die letzten zwei Juli Wochen in den Süden Kirgistans. Es war schon ein seltsames Gefühl plötzlich Touristin zu sein. Ich spürte auch wie unsicher ich mich außerhalb Bischkeks fühle. Vorallem da in den Dörfern und vorallem im Süden so gut wie kein russisch gesprochen wird und meine Kirgisisch Kenntnisse enttäuschend mau sind. Die Einheimischen sahen in mir eine gewöhnliche Touristin, eine von vielen die kommen und gehen und ich sträubte mich anfangs stark gegen diese Rolle.

Auf jeden Fall war die Reise unglaublich schön und ich habe viele Geschichten und Anekdoten zu erzählen.Da ich allerdings schon bald die Gelegenheit haben werde euch davon persönlich zu erzählen, belasse ich es erst mal bei ein paar bildlichen Eindrücken.
Auf dem Weg von Bischkek nach Toktogul durch das Tien Shan Gebirge


Am Naryn Fluss, kurz vor Tash Komur: Dort fanden wir einen wunderschönes Plätzchen für unser Zelt. Die zweite Nacht dort schlief ich unter den Sternen


Sary Chelek: Ein Naturschutzgebiet mit 6 Gebirgseen und vielen Local Touristen, die leider ein anderes Verhältnis zur Natur zu haben scheinen..

Am Nachmittag wenn alle Touristen wieder verschwinden...
..wird der Ort fast schon magisch und unglaublich schön!

1. Tat nach dem Aufstehen: Baden!

Die zwei Nächte dort im Zelt waren jedoch nicht sehr erholsam. Es war so still und so dunkel, dass jedes Knacksen und Rascheln Angst einflößte. Dazu sei gesagt: Es gibt dort Wölfe, Bären und Schlangen


Nach einer ewig langen und heißen Busfahrt mit allerhand Reifenpannen erreichten wir Osch. Nach 8 Tagen so gut wie ohne Zivilisation war es ganz angenehm mal wieder zu duschen und in einem Bett, ohne Angst vor wilden Tieren zu schlafen. Allerdings ist Osch unerträglich heiß...

...deshalb ging es bald weiter nach Arslanbob. Das Dorf der Walnusswälder kannte ich schon aus meinem Trip im April. Diesmal: Grün statt weiß!


Nun bin ich mit Magenproblemen zurück in Bischkek.
In wenigen Tagen kommt mich dann meine Schwester mit ihrem Freund besuchen. Ich freue mich sehr darauf ihr das Land zu zeigen, in dem ich ein Jahr zu Hause war und wahrscheinlich immer ein bisschen zu Hause sein werde!
Der Artikel ist eher kurz und wahrscheinlich sehr emotional geworden.  Es sind gerade aufregende Wochen, verwirrende und doch so schöne Zeiten, die mich emotional nicht kalt lassen.
Ich freue mich euch bald persönlich erzählen zu können und danke euch fürs lesen :-)

Beste Grüße

Eure Lissa!

Sonntag, 4. Juni 2017

Wenn der Ball ein totes Schaf ist.



So vielseitig der Mai war, so vielseitig war auch das Wetter.  Während ich Anfang Mai über den 1. Mai Feiertag optimistisch gegenüber des Wetters zum campen in eines der wenigen eingerichteten Klettergebiete fuhr, wurden wir gegen Nachmittag mit ziemlich frostigen Temperaturen, Regen und nachts tatsächlich Schnee überrascht. Ich habe in meinem Leben noch nie so gefroren wie in dieser Nacht. Als ich in der fast schlaflosen Nacht aus dem Zelt blickte, war alles weiß…  Dennoch war es ein sehr schöner Ausflug und ein super Klettergebiet mit schönen Routen.









Wenige Tage später in Bischkek: bei über 30 Grad schmelzen wir in Bischkek dahin. Der eiskalte Campingausflug ist gefühlt Monate her. Es ist der 9. Mai. DER Feiertag für postsowjetische  Länder. Der „ Tag des Sieges“ (auf russisch: День Победы [djen Pobedi]  )über Deutschland. Das Ende des zweiten Weltkrieges. Bereits in der Woche davor, sah man überall Autos mit Aufklebern geschmückt auf denen übersetzt stand „Opa, ich bin stolz auf dich!“  Am 9. Mai selbst war einiges in Bischkek los. Die großen Plätze waren voll mit kitschiger und Sowjetischer Dekoration für Familienfotos mit Männern in UdssR Uniformen und der Kalaschnikow unterm Arm.



Auch im „Hippodrome“, DEM kirgisischen „Sportplatz“ für normadisch traditionelle  Reiterspiele gab es an diesem Tag einiges zu sehen. Bereits an den Toren zu der „open Air Reiterarena“  hatte ich das Gefühl vor den Toren eines deutschen Fußballstadions an einem Samstagnachmittag Spiel zu stehen. Fast ausschließlich Männer waren zu sehen, die pöbelnd versuchten die letzten Tickets zu ergattern. Wir, mit dem Touristenbonus schafften es trotz Ausverkauf noch Tickets zu ergattern. Im Stadion drinnen kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. So viele Zuschauer (die Frauenquote betrag ca. 0,2%) die pfiffen und aufsprangen wie bei einem Aufstiegsspiel in der Westkurve auf dem Betzenberg.
Nur ,dass es sich bei der ganzen Sache nicht um ein Fußballspiel mit einem Ball und zwei eckigen Toren handelte. Statt in Fußballschuhen über Rollrasen zu rennen, ritten die Mitspieler auf Pferden in gewaltigem Tempo über das  Feld. Statt eckigen Toren gibt es 2 Runde Plattformen, statt dem Ball spielt man mit dem Kopflosen Körper eines vorher getötetem Schafes. Das Ziel ist es das Schaf auf die gegnerische Plattform zu bringen. Die Siegermannschaft darf das Schaaf abends essen.  Die Zweikämpfe sahen oft nach Mord und Totschlag aus -für Reiter und Pferd. Rund um das Stadion wurden kalte Getränke und Sonnenblumenkerne, sowie Sonnenhüte gegen die knallende Hitze verkauft. Nicht, dass ich ohnehin damit überfordert war all diese Eindrücke aufzunehmen und zu sortieren, kam auch noch ein kirgisisches Kamerateam auf mich zu. (Am nächsten Tag sprachen mich dann meine Kolleginnen auf meinen super unvorbereiteten, auf schlechtem russisch hingenuschelten Fernsehbeitrag an…)




Komisch..die Polizisten hatten irgendwie immer die beste Sicht..........

Wer die Frau unter ihnen findet bekommt einen Preis!



Als Deutsche an diesem Feiertag unterwegs zu sein, war kein Problem. Im Gegenteil. Deutschland ist hier eines der beliebtesten Länder. Jeder Kirgise, jede Kirgisin, die ich treffe kann mir etwas zu Deutschland sagen, kennt ein paar in der Schule gelernte deutsche Wörter, war für ein Au pair Jahr selbst in Deutschland oder träumt in naher Zukunft nach Deutschland zu gehen. Jeder zweite fragt mich ob ich Deutschunterricht für die eigenen Kinder geben kann. Deutschland- das Paradies. Deutschland- der Ort an dem es allen gut geht. Deutschland- der große Traum?! Für mich wirft das immer wieder Fragen auf.  In Deutschland hatte ich nie das Gefühl, in DEM Paradies zu leben..


Seit ziemlich genau 9 Monaten arbeite ich nun bei Ümüt-Nadjeshda. Und in 1,5 Monaten fangen die großen Ferien an. Das heißt auf der Arbeit herrscht für mich bereits Abschiedsstimmung. Es ist ein seltsames Gefühl. Gerade letzte Woche war das große Sommerfest „последний звонок“ [posledniy zvonok] heißt „Das letzte Klingeln“, mit dem das offizielle Schuljahr beendet wurde. Die nächsten 1,5 Monate kommen diejenigen Kinder, die noch nicht in den Ferien sind, ausschließlich zum sogenannten „Lager“ (vergleichbar mit Ferienspielen oder Sommercamp). Wir werden viele Ausflüge machen, Spiele spielen und eine Woche auf Klassenfahrt an den Issyk-Kul See fahren.


Desweiteren möchte ich stolz von unserem vorgestrigen Projekt erzählen: Die „Social Disco“, ein Projekt, das wir Freiwilligen von Ümüt-Nadjeshda vollkommen selbstständig organisiert und sehr erfolgreich durchgeführt haben.
Die Social Disco soll ein Event sein, das unseren Betreuten einen schönen Partyabend mit anderen Menschen ermöglicht. Da fast alle unserer Betreuten das ganze Jahr niemanden anderes als sich gegenseitig und die Betreuer vor Gesicht bekommen, so gut wie nie ihre Häuser oder Wohngruppen verlassen können, haben wir uns überlegt die Party einfach zu ihnen zu holen. 3 Wochenlang machten wir Reklame bis zum Abwinken. In allen sozialen Netzwerken teilten wir unsere Veranstaltung und luden unserer mittlerweile gewachsenen Freundes- und Bekanntenkreis ein. Auch andere Einrichtungen mit Menschen mit Behinderung kamen zu unserer Feier.
Wir organisierten alles selbst. Von der Finanzierung bis zum Programm. Produzierten eigene alkoholfreie Getränke und Snacks. Der Partyort war der große Saal des Korzcak Zentrums, den wir mit den Betreuten gemeinsam dekorierten.
Der Abend verlief super! Es kamen mehr Leute als erwartet um mit unseren Betreuten zu feiern. Es gab ein super Programm, mit von uns angeleiteten Spielen und Tänzen. Auch einige unserer Gäste trugen spontan tolle Showeinlagen zu unserem Programm bei. Natürlich trat auch unsere bereits berühmte Schultanzgruppe Tumar auf, die trotz Rollstühlen atemberaubende Break Dance Shows hinlegen und mittlerweile weltweit unterwegs sind.









Der ganze Abend erfüllte mich mit Freude und ein bisschen Stolz. Es war für mich ein  kleines Finale, zumindest was meine Rolle als Freiwillige angeht. Es zeigte mir, was wir alles bewegen können und wie viele Kontakte und Netzwerke wir in der Stadt schon haben. Viele Gäste und vor allem auch Betreute dankten uns freudestrahlend für diesen gelungenen Abend. Wir hoffen das ganze zum einem laufenden Event zu machen, das wir an die nächste Freiwilligengeneration (tatsächlich kommen doch ein paar wenige) weitergeben zu können.

Nächste Woche werde ich einige Tage im Kindergarten aushelfen, was sicher nochmal eine richtig stressige und anstrengende Aufgabe sein wird.  Danach wird der Arbeitsalltag langsam aber sicher bis zum 15. Juli auslaufen. Und dann? Dann habe ich 1,5 Monate Zeit zu reisen, meine Schwester und ihr Freund werden mich besuchen, und ich am 30. August soll dann alles vorbei sein? Der Gedanke treibt mich die letzten Wochen öfter in Gefühlsausbrüche und Schrecken und manchmal aber auch Vorfreude. Diese Widersprüche unter einen Hut zu bekommen ist sehr schwer für mich.

Ich danke euch fürs lesen, euer Interesse und eure Unterstützung, die ich auf verschiedenste Weise immer wieder erfahren darf! DANKE und bis bald

Eure Lissa!

Mittwoch, 26. April 2017

Besuch meiner Eltern: Ein mal Kirgistan im Schnelldurchlauf


Salam ihr Lieben!


Ich weiß nicht wie es euch gerade so geht, aber hier scheinen die Uhren schneller zu ticken als ich es erwartet hätte. Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Aufenthalt hier begrenzt ist und ich die Beobachtung der Zeit deshalb so unglaublich faszinierend finde. Vor kurzem habe ich mich noch durch die vereisten Schneestraßen gekämpft und jetzt bricht hier ein Frühling ein, den man in Deutschland Sommer nennt!
 Man könnte sagen je länger ich hier bin desto schneller vergeht eine Woche. Ein Monat. Deshalb verlängern sich die Abstände meiner Blogeintrage..

Wie einige von euch wissen werden, waren meine Eltern 12 Tage zu Besuch.  Am Morgen des 2. Aprils stand ich also um 5 Uhr am Flughafen „Manas“ um sie nach über  7 Monaten wieder zu sehen, ihnen mein Leben hier zu zeigen und mit ihnen für 8 Tage durch das Land zu reisen.

Der erste Tag in Bischkek mit meinen Eltern - und ich schleife sie gleich mal auf den Osch-Basar, durch die halbe Stadt, und in mein Lieblingscafé sowie mein Lieblingsrestaurant. Wenn ich daran denke wie viele Eindrücke und vor allem Gegensätze ich den Beiden an ihrem ersten Tag schon zugemutet habe, ziehe ich den Hut vor ihnen. Aber da mein erster Tag auch ein erbarmungsloses „In die Stadt hineingeworfen und sofort los legen müssen“ war, glaube ich, dass sie sich dafür gut vorstellen konnten wie es mir am ersten Tag erging.

Am nächsten Tag musste ich arbeiten, so dass sie die Gelegenheit hatten, sich das ganze mal auf eigene Faust anzusehen. Am Abend hörte ich mir gespannt ihre Eindrücke an. Eine super-moderne Shopping-Mall, ganz im Stile des Westens,  inmitten der sonst eher heruntergekommen sowjetischen Gebäude, ist wohl einer der stärksten Kontraste, der den beiden in Erinnerung an die Stadt  bleiben wird. Am Tag darauf kamen sie mich auf meiner Arbeitsstelle besuchen. Es war für mich sehr wichtig, zu zeigen wie und wo und mit wem ich jeden Tag 7 Stunden arbeite. Außerdem hatten meine Eltern allerhand nützliche Geschenke für meine Klasse dabei. Neben einem Sonnensegel für Draußenunterricht im Frühling und Sommer, einer Hängematte, Lernmaterialien waren auch alte Dinge aus meiner Kindheit dabei, wie zb eine Schaukel.


Ich führte meine Eltern durch die ganze Schule, stellte ihnen alle Kolleginnen und Kollegen vor. Die Reaktion war immer ziemlich exakt die gleiche: похожа на Маму, да? ваша дочка очень хорошая девочка, она очень много помогает… !“  (übersetzten könnte man das so: Du kommst ja total nach der Mama, nicht wahr? Eure Tochter ist ein sehr gutes Mädchen, sie hilft uns wirklich viel…..)
Ich glaube meine Eltern waren ein bisschen erstaunt, dass ich mittlerweile tatsächlich auf russisch sprechen, verstehen und für sie übersetzen kann.

Am nächsten Morgen in aller Frühe brachen wir zu unserem- zugegebenermaßen geführten- Trip auf. Sultan, ein Kirgise der über das Incoming-Programm der Freunde der Erziehungskunst R.S. einen Freiwilligen Dienst in Deutschland gemacht hat, war mir durch meine Einrichtung schon bekannt. Ein super netter Kirgise und oft „deutscher“ als wir, dem es gelang uns in so kurzer Zeit zu vielen wundervollen Orten zu fahren.

Hier unsere Reise:

Tag eins und zwei: Arslanbob

Den ersten Tag haben wir im Auto verbracht. Einmal vom Norden Kirgistans in den Südwesten- nah an der Grenze zu Usbekistan . Während der Fahrt fuhren wir durch gigantische Schneefelder! Weit und breit nichts außer Schnee, fuhren wir Berge rauf und runter. Wer es noch nicht gehört hat: Ich habe das große Glück den Jahrhundertwinter erwischt zu haben. Normalerweise wäre nämlich unser erster Zielort, Arslanbob, im April schon ein grünes Paradies. Für uns hieß es dann eher weiß und kalt. Umso wärmer wurde uns als wir in unserem Gasthaus , das wie alle Häuser unserer Reise von einer Familie geführt wurde, ankamen. Dort wurden wir lecker mit Lagman bekocht. Maschrur, der Gastvater gesellte sich nach dem Essen zu uns. So erfuhren wir einiges über Arslanbob und seine Hintergründe. Zum Beispiel, dass der usbekische Anteil deutlich höher liegt als der kirgisische. Dies spürten wir sehr deutlich als wir am nächsten Tag durch die Stadt liefen. Frauen waren ausschließlich mit Kopftüchern auf der Straße und schauten den Männern nicht in die Augen. Auch waren Frauen nur mit Frauen unterwegs und Männer  nur mit Männer. Der Islam ist dort viel präsenter als im Norden. Der Ort scheint allerdings auch schon an Touristen gewöhnt zu sein, und immer wieder grüßten uns einige Schulkinder mit einem  neugierigen, englischen „Hello!“
Ich hatte mich sehr auf Arslanbob, das für seine Walnuss Wälder bekannt ist gefreut und war dann erstmal ein bisschen frustriert, dass uns der Schnee dem Wandern einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.

Maschrur unser Gastvater
Das erste Kamel, das ich in Kirgistan gesehen habe!
Walnusswälder im Schnee..

Neugierige Schulkinder auf dem Weg durch Arslanbob
Autofahrt durch unendliche Schneefelder

Tag 3: Kyzyl-Oi

Kyzyl-Oi (befindet sich in der Landesmitte) ist kirgisisch und heißt so viel wie rote Kule. Und wenn man sich in dem Dorf befindet trifft es das auf den Punkt. Rund herum befinden sich rote (oder eben weiße!) Berge. Die Fahrt dorthin führte uns durch steile Schluchten, auf wie immer holprigen „Straßen“.
Wieder einmal erwartete uns ein kirgischisches Festmahl! Die Unterkunft war mehr als sympathisch- wenn auch aufgrund des Stromausfalls ziemlich kalt. Aber das Abendessen im Kerzenschein passte perfekt in die Atmopshäre.
Strom oder nicht - der Tisch immer Randvoll!




Tag 4 und 5 Koschkor

Am nächsten Tag spazierten wir durch das Dorf Kyzyl-Oi und machten uns durch atemberaubende rote Felslandschaften und stets umringt vom Ala-Too Gebirge, auf zum nächsten Ziel.
Inmitten des kleinen Dörfchens Kyzyl-Oi...deutsche Werbung auf deutschen Autos, daran habe ich mich schon längst gewöhnt.


Nach der Ankunft in Kosckor, dass sich westlich vom Issyk-Kul befindet, waren wir erstmal alle platt und freuten uns mal wieder duschen und ein bisschen entspannen zu können.
Der nächste Tag war dafür umso ereignisreicher. Wir mieteten ein Pferd und ritten zu einer Schäferfamilie, die außerhalb des Dorfes wohnt. Ende April werden sie mit all ihren Tieren noch ein ganzes Stück höher in die Berge ziehen und in ihrer Jurte leben. Nachdem wir mit Ihnen den obligatorischen Tee getrunken hatten, liehen sie uns ihren Esel aus, so dass wir mit Pferd und Esel einige Stunden in den Bergen unterwegs waren. Das war für mich ein ziemlich besonderes Erlebnis. Auf dem Pferd oder Esel zu sitzen, dabei durch die schöne Berglandschaft zu reiten und einfach nur zu staunen und die Sonne  zu genießen, war für mich definitiv ein großes Highlight. Ich wollte das Pferd gar nicht mehr her geben und bin jetzt drauf und dran reiten zu lernen. Das ist eines der letzten Dinge die ich von mir erwartet hätte.



Am Abend fuhren wir in eine alte Salzgrotte, die ehemals zum Salzabbau genutzt wurde. Jetzt stellt sie ein Sanatorium für Lungenkranke da. Die Vorstellung, dass die Patienten 10 Nächte in der muffigen feuchten und staubigen Höhle schlafen würden war für mich etwas seltsam.


Tag 6 Fahrt nach Karakol über magische Orte.


Auf der Fahrt nach Karakol, östlich des Issyk-Kuls machten wir Stops an atemberaubenden Orten.
Skazka =Fary Tale canyons: der Name spricht für sich.
 Hier ein paar Bilder zu diesem magischen Ort.





Barskon und „Little Tibet“. Der geheim Tipp Sultans und ein Platz, den wir ohne ihn und sein Auto  nicht erreicht hätten.  In ziemlich dünner Luft liefen wir die letzten eineinhalb Stunden zu dem für jeden von uns höchsten Punkt von 4028Metern. Das Gefühl und die Aussicht war gigantisch- und zumindest den letzten Abschnitt hatten wir auf eigenen Füßen erreicht.





Mir ist immer noch ein Rätsel wie die Kühe und pferde in dieser Höhe, bei diesem Schnee Gras finden  wollen..

Am Abend kamen wir in Karakol an. Wir überglücklich von den Natureindrücken und Sultan überglücklich , dass sein Auto diese extreme Höhe durchgestanden hatte. So stoßen wir alle erstmal mit einem Bier an, auf das wir uns schon die ganze Reise gefreut haben. Das Gasthaus in Karakol, der touristischen Stadt, die euch von meinem Januarbericht bekannt sein dürfte, war vergleichweise ziemlich luxuriös. Plötzlich waren Wifi, ein richtiges Bad und sogar Fernseher da. Das meiste hatte ich nicht im geringsten vermisst (außer dem Bad vielleicht..)

Tag 7: Wanderung bei den 7 Bullen.

Schon seltsam denselben Ort mit meinen Eltern aufzusuchen, an dem ich schon einige Monate vorher wandern war. Doch diesmal ohne Schnee, sah alles ziemlich anders aus und wir wählten auch  eine ganz andere Wanderung.


Anschließend besuchten wir den Karakoler Basar, die orthodoxe Kirche und tranken genialen Kaffe.
Dies war der letzte Abschnitt der Reise. Am nächsten Morgen schon machten wir uns morgens auf den Weg um entlang des Issyk-Kuls zurück nach Bischkek zu fahren. Auf den letzten Kilometern machte das Auto langsam schlapp, so dass ich wirklich froh war, dass wir die ganze Reise bis zurück nach Bischkek ohne größere Probleme geschafft hatten.

Schade war nur das drei Reiseziele kurzfristig gekänzelt wurden, da einige Bergpässe wegen Lawinengefahr geschlossen waren. Allerdings weiß ich auch nicht wie wir weitere Punkte hätten unterbringen können. Denn ich hätte sowieso gerne an jedem Ort deutlich mehr Zeit zum wandern verbracht.

Ich freue mich jetzt umso mehr auf den Sommer und meine langen Ferien, in denen ich einige der Orte (und andere) zum wandern und zelten nochmal aufsuchen werde.

Nachdem Abschied meiner Eltern am Flughafen wurde ich ziemlich schnell wieder zurück in den Alltag geworfen. So dass, der Besuch von Ihnen manchmal ganz unreal in meiner Erinnerung ist. So schnell sie kamen so schnell waren sie auch schon wieder weg…


Zu allerletzt ein kleiner Aufruf an alle jungen Leser*innen, die ein Jahr mal was ganz anderes machen wollen:  Bis jetzt gibt es noch keine nachrückenden Freiwilligen in Ümüt-Nadjeschda. Derzeit sind wir sieben Freiwillige! Die Vorstellung, dass ab September kein Freiwilliger in Ümüt arbeitet macht mich sehr betroffen. Die Freiwilligen sind eine sehr wichtige und große Hilfe hier (ich hoffe das klingt jetzt nicht überheblich). Wir jungen Leute mit weniger Erfahrung haben oft nochmal eine viel engere, freundschaftliche und vertrautere Beziehung mit den Kindern und Jugendlichen. Ich kann diese Freiweilligen Dienststelle nur empfehlen. Wer interessiert ist kann sich sehr gerne an mich wenden und ich gebe sehr gerne Auskunft!

Bis dahin alles Gute, bleibt am Ball
Eure Lissa